Die Werten des Konfuzianismus kritisch begegnen, ist nicht nur

Die theoretischeGrundlage, mit der die Intellektuellen den traditionellen Werten desKonfuzianismus kritisch begegnen, ist nicht nur der aposteriorischenKonstatierung einer Analogie zwischen China und dem Westen entsprungen, vielmehr beruht sie auf einer kritischen Auseinandersetzung mit demzeitgenössischen Werteverständnis und seiner faktischen Auswirkung auf die Gesellschaft,die der konfuzianischen Lehre inhärent sind. Der in ursprünglicher Form seitdem sechsten Jahrhundert v.

Chr. bekannte Konfuzianismus stellt ein Konstruktaus religiösen Lehren, philosophischen Maximen und politischen Sentenzen dar,deren weltanschauliche Aspekte untrennbar miteinander verflochten sind.1Im Verlauf der chinesischen Dynastiegeschichte stieß Konfuzianismus unter derjeweiligen Staatsmacht stets auf unterschiedliche Rezeptionen. Durch dieEreignisse der Opiumkriege rückte die politisch-universalistische Ethik desKonfuzianismus jedoch mehr und mehr in ein pejoratives Verhältnis, das dieBevölkerung als Sinnbild der katastrophalen Situation Chinas dispositivauffasste. Der Konfuzianismus verkam unter einer doktrinären Orthodoxie mehr undmehr zu einem inhaltsleeren System von Formen und Regeln, die zur Zeit derRepublikgründung allzu oft nicht mehr, als ein fadenscheiniges Mittel fürreaktionäre Machthaber in der Familie oder im Staat zur Unterdrückungsämtlicher Oppositionen gegen die eigene Misswirtschaft und Verkommenheitdiente.2Mit der 4. Mai Bewegung wurde die Moral der konfuzianischen Anschauung von denKritikern als starr und falsch beurteilt und man interpretierte politischeGewaltherrschaft, die Unterdrückung des Individuums, Ungleichheit undUngerechtigkeit, insbesondere gegenüber der Jugend, die zum Gehorsam gezwungen wurde,und der Frau, die keinerlei Mitspracherecht besaß, in die Lehren desKonfuzianismus hinein.3Die Annahme, die Philosophie des Konfuzianismus würde den Despotismus fördern,stützte sich auf den Punkt, dass sie mit demokratischen Idealen undwissenschaftlicher Methodik nicht vereinbar war.

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4Gleichheit der Menschen war andererseits auch unerfüllbar, da die Gesellschaftnach einem strengen hierarchischen System funktionierte, was auf den “Fünfkonfuzianischen Grundbeziehungen” und den entsprechendenVerhaltenstugenden begründet war.5Im Zuge der Reformbewegung, die schließlich zur Gründung der Republik führte,erfuhr der konfuzianische Ethos eine gesellschaftsübergreifende Dekonstruktionund brach unter der Kritik der dem Szientismus zugewandten Intellektuellenregelrecht zusammen. Es wurde als wissenschaftlich fundiert angesehen, denKonfuzianismus mit Rückschrittlichkeit gleichzusetzen. Ihm gegenübergestellt wurdedie pragmatische und wissenschaftliche Philosophie des Westens. Intellektuelledieser Zeit hatten die Überzeugung verinnerlicht, dass die RückständigkeitChinas, eine auf die Niederlagen in den Kriegen und die damit zusammenhängendeÜberlegenheit des Westens in militärischer, wirtschaftlicher undwissenschaftlicher Hinsicht zurückgeführte Tatsächlichkeit, nur durch eineradikale Modernisierung nach westlichem Vorbild überwunden werden konnte.

Obwohlihr Verständnis des Abendlandes dialektisch betrachtet sehr oberflächlich warund ihnen deutlich vorgeworfen wurde, sie hätten „modernization” mit „westernization”gleichgesetzt,6 galtnun ihr Standpunkt als der bestmögliche einzuschlagende Weg für die Erschaffungeines modernen Staates.   In der Argumentation der „Neuen Jugend”gegen den Konfuzianismus ging man zunächst vorwiegend von einem klassischemStandpunkt aus und rief die bekannte Tatsache wieder ins Bewusstsein zurück,dass zu Lebzeiten des Konfuzius im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert und inden ersten Jahrhunderten danach die konfuzianische Lehre nur eine unter vielengewesen sei und sich erst später allmählich als allein anerkannte offizielleStaatsdoktrin habe durchsetzen können.7Da für Hu Shi die Wurzeln des wissenschaftlichen Denkens in dennicht-konfuzianischen Schulen der klassischen Periode zu suchen sind, forderter, die bisher vernachlässigten Denktraditionen erneut zu würdigen und diegesamte Philosophie des chinesischen Altertums mit Hilfe der westlichen Methodeder neuzeitlichen Philosophie neu zu interpretieren.

8Die Rekonstruktion des wissenschaftlichen Denkens in China kann nur gelingen,wenn sie von den idealistischen und moralistischen konfuzianischen AuslegungenAbstand nimmt und sich auf die klassische Periode, das heißt im besonderen dienicht-konfuzianischen Schulen der chinesischen Geistesgeschichte, konzentriert.Bei der Rekonstruktion verfährt Hu Shi zweigleisig, zum einen dient ihm dieUntersuchung des konfuzianischen Denkens als Abgrenzung. Der Nachweis einesDefizits soll diese philosophische Richtung sozusagen entthronen und ihr denursprünglichen Platz als eine Schule unter vielen zuweisen. Zum anderen gewinntder Neomohismus9  als nicht-konfuzianische Philosophie eineSchlüsselfunktion für den Nachweis wissenschaftlichen Denkens im chinesischenAltertum.10 Sosollten entsprechend andere Geistesrichtungen wieder aufgewertet undweiterentwickelt werden, hinzu zählte ebenfalls Gedankengut des Daoismus unddes Legalismus.    Unter den namhaften Verfechtern der NeuenKultur wie Chen Duxiu und Li Dazhao, die sich für die Abschaffung derkonfuzianisch-patriarchalen Familienstruktur, individuelle Befreiung undEmanzipation der Frauen stark machten, fand die Parole „Nieder mit demKonfuzius-Laden”11 einenbreiten Anklang, einschließlich bei Hu Shi selbst.

12Trotz einer klassisch-konfuzianischen Erziehung sah sich Hu Shi bereits imKindesalter mit gewissen Problematiken der konfuzianischenFamilienstrukturen  konfrontiert. Seinekritische Sichtweise könnte sich in der Zeit manifestiert haben, als er imAlter von 13 Jahren an einer Shanghaier Schule als Teil einer „New Education”nach westlichem Vorbild unterrichtet wurde.13 Eine intensivere Beschäftigung mitwestlichem Denken, die entscheidend für die Ausprägung seiner Geisteshaltungwar, fand zwischen den Jahren 1910 und 1917 statt, als er unter dem Einflussseines Lehrer John Dewey, der eine empirische Philosophie betrieb, stand.14Diese Bekanntschaft führte u.a. dazu, dass Dewey einer Einladung Hu Shis folgteund in den Jahren zwischen 1919 und 1921 an Universitäten in 11 chinesischenProvinzen Vorträge hielt.

Die Wirkung, die diese Vorträge hatten, stellte sogardie Vorträge Bertrand Russels, Gründer der Analytischen Philosophie, in denSchatten.15 Hu Shi sah sichbei der Darlegung seines philosophischen Standpunktes durchaus als Provokateur,der mit seiner Meinung eine Diskussion über eine chinesischePhilosophiegeschichte entfachen wollte. Er bedauerte es, dass die für dieMeinungsbildung äußerst wichtige Rolle des „advocatus diaboli”, die er versuchthabe zu übernehmen, nicht erkannt und geschätzt wurde.16In diesen Äußerungen wird deutlich, gegen welche Widerstände Hu Shi zu kämpfenhatte und wie sehr seine differenzierten Überlegungen dem Pauschalurteil derantikonfuzianischen Position zum Opfer fielen.17Vor allem in den Augen konservativ denkender Zeitgenossen wurde jede kritischeÄußerung hinsichtlich der konfuzianischen Lehre unterschiedslos als Antihaltunggegen den Konfuzianismus und die chinesische Tradition gewertet. Hu Shihingegen argumentiert bewusst gegen eine Reduktion der chinesischen Traditionauf den Konfuzianismus, indem er die nicht-konfuzianischen Schulen derklassischen Periode aufwertet. Eine Konfuziuskritik führt somit nicht zu einergenerellen Ablehnung der chinesischen Tradition.

18Dieser Widerspruch ist jedoch nur vordergründig. Tatsächlich fällt dieBeurteilung des Konfuzianismus im Hinblick auf die Entwicklung deswissenschaftlichen Denkens durch Hu Shi keinesfalls durchgängig negativ aus.Die Handlungsorientierung bei der Urteilsbildung findet beispielweise eineausgesprochen  positive Bewertung.Gemeinsamkeiten zwischen Dewey und den konfuzianischen Denkern erkennt Hu Shiin der pädagogischen Orientierung der Philosophien.

So wie bereits Konfuzius undauch der Neokonfuzianer Zhu Xi die moralische und geistige Bildung des Menschenals oberstes Ziel anerkannt hätten, sei für Dewey Philosophie in erster LinieErziehungsphilosophie. Die Gemeinsamkeiten erstreckten sich darüber hinaus auchauf theoretische Ansätze, so würden beide Philosophen in Interesse und Pflichtkeine Gegensätze erkennen und für eine interessengeleitete Pflicht plädieren.19Der Konfuzianismus weist zwar aus philosophischer Perspektive für Hu Shi einigeeindeutige Defizite hinsichtlich des wissenschaftlichen Denkens auf, damitlässt sich aber die fehlende Entwicklung zu einer modernen wissenschaftlichenMethode keinesfalls erklären. Hu Shis Kritik wendet sich an eine falsche odereinseitige Rezeption des Konfuzianismus, die mit der Vernachlässigung undnegativen Bewertung konkurrierender philosophischer Denkrichtungen wie beispielsweisedes Mohismus einhergeht. Die unkritische und einseitige Überhöhung desKonfuzianismus verhindert seiner Meinung nach das selbstständige Denken undUrteilen einer konstruktiven Geisteshaltung.20Infolgedessen schlägtHu Shi einen moderateren Weg in der Evaluierung und Analyse der Traditionen einund weist auf die kritische Haltung hin, mit der eine neue philosophischeAnschauung erzeugt und angewandt werden kann.

„By developing anew mode of literary creation and a new manner of thinking, the literaryrevolution undermined institutions that maintained old and obstructivetraditions and encouraged a critical attitude to the whole range of traditionalvalues.”.21Hu Shi betonteimmer wieder die Bedeutung dieser ‘critical attitude’ und zögerte nicht, siemit Nietzsches Wort der „Umwertung der Werte” gleichzusetzen. Die kritischeHaltung besagt nichts anderes, als dass man alle Dinge daraufhin beurteilensolle, ob sie „nützlich” seien. Die Voraussetzungen dieser kritischen Haltungwurden von Hu Shi nicht näher benannt, doch auf was sie abzielten, wareindeutig: „It set anintellectual standard that opposed the traditions of intellectual dogmatism andservility.

“22Für Hu kennzeichnetedas Annehmen dieser Haltung einen fundamentalen Wechsel im chinesischen Denken.Er setzte es mit der kopernikanischen Wende Kants gleich und läutete damit die„Intellectual Renaissance” in China ein. 23 Dieser Gedanke beinhaltete das Einführenvon „neuen Gedanken, neuen Lehren, neuer Literatur und neuen Überzeugungen ausdem Westen”. China müsse aus folgendem Grund neue Theorien importieren: “BecauseChinese modernization lacked not only advanced industry and technology, butalso new ideas and new doctrines.

China should draw lessons from modern thoughtin the West to resolve its difficulties.”24Letztendlichbeschränkte sich die ‘kritische Haltung’ auf eine Systematisierung und Rekonstruktiondes kulturellen Erbes Chinas. Außen vor blieb das, was aus dem Westenimportiert werden sollte. Diese Gedanken ziehen sich wie ein roter Faden durchHu Shis Denken und bilden das Kernstück der Neuen-Kultur-Bewegung.

25Gestützt wurde diese Auffassung durch den Pragmatismus, der letztendlich HusRolle als „Father of the Literary Revolution” prägte und seine Bedeutsamkeitinnerhalb dieses Diskurses als Wegbereiter der experimentalistischen Methode imSinne von John Dewey kennzeichnete.